Kurzgeschichte- Die Zugfahrt

Endlich fand ich ein Abteil, in dem noch ein freier Platz war. Zuvor bin ich fast den ganzen Zug durchgerannt- Nein, ich bin den ganzen Zug durchgerannt, denn ich bin ganz vorne eingestiegen und jetzt war ich im letzten Waggon. Das nächste Mal steig ich gleich wieder hinten ein. Dann erspare ich mir wenigstens die Schufterei mich mit meinen beiden Koffern durch die engen Gänge zu zwängen, wo ich ja auch bei weitem nicht der Einzige bin. Aber egal, jetzt hab ich ja einen freien Platz gefunden. „Ist hier noch frei?“ platzt es aus mir heraus, als ich die Abteiltür öffne, um mir gleich darauf klar zu werden, dass der Typ, der Zeitung-lesend in dem Abteil sitzt das wohl kaum verstehen wird, denn er sieht nicht gerade aus wie ein Tourist, sondern eher wie einer von den Berufspendlern, die tagtäglich aus der Provinz nach Florenz fahren. Für einen Touristen hätte er reichlich wenig Gepäck- nämlich nur eine Aktentasche, bestimmt ein Banker, schießt es mir durch den Kopf. Und alle die hier nicht viel Gepäck dabei haben, sind keine Touristen und damit keine Touristen, sondern Italiener und die verstehen nicht gerade alle Deutsch, so denke ich vereinfachend. „Ja, bitte bitte, setzen sie sich nur,“ kommt die unerwartete Antwort. „Danke“ antworte ich und trete ein. „Warum schauen sie denn so verblüfft?“ fragt mich der Fremde. „Ich, ähm, nein, also, ich,“ stammle ich hilflos herum. „Sie hätten nicht gedacht, dass ich Deutsch spreche?“ „Nein, also ja, sie sehen nicht gerade aus wie ein Tourist.“ „Naja, Tourist bin ich auch keiner, ich arbeite in Florenz bei einer Bank, die viel mit deutschen Unternehmen zu tun hat.“ „Das erklärt dann natürlich auch ihr gutes Deutsch.“ „Nicht nur, meine Mutter ist Deutsche. Sie kommt gebürtig aus Darmstadt.“ „Aus Darmstadt? So ein Zufall, ich arbeite ganz in der Nähe.“ „Was arbeiten sie, wenn ich fragen darf?“ „Ich arbeite als Lektor für einen Roman.“ „Auch kein schlechter Job.“ „Naja, geht schon. Morgen muss ich nach drei Wochen Urlaub wieder in den Verlag.“ „Naja, was muss, dass muss , sag ich immer.“ „Ja, hilft ja alles nichts.“ „Sie fahren aber nicht mit dem Zug bis nach Darmstadt?“ „Doch, ich muss. Fluglotsenstreik.“ „Ach ja, genau, die streiken ja mal wieder. Tun sie hier in Italien liebend gerne. Ist auch immer ein großes Problem für uns in der Bank, so viel Flüge wie damit jedes Mal ausfallen. Und wenn nicht die Fluglotsen streiken, dann die Piloten oder die Flugbegleiterinnen oder das Bodenpersonal. Irgendjemand findet sich bei denen immer.“ „Nun ja, jeder will halt mehr Geld. Aber Zugfahren soll ja eh besser für die Umwelt sein.“ „Schon ja, ich fahr eh sehr gerne Zug. Ich könnte schon auch jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit fahren, aber der Zug tuts genauso, zumal man viel weniger Stress hat.“ „Ich bin früher als Student eigentlich nur mit dem Zug gefahren, damals war das aber ja auch noch was anderes.“ „In der Tat, in der Tat.“ „Ich finde, es war früher noch nicht so sicher wie heute.“ „Da muss ich ihnen aber widersprechen, ich finde es heute gefährlicher.“ „Wirklich? Warum?“ „Klar, die Züge sind von der Technik und dergleichen sicherlich sicherer geworden, davon will ich gar nicht reden, denn da kenne ich mich auch gar nicht allzu gut aus. Aber gerade wenn sie heute Nacht mit einem Schlafwagen heimfahren müssen sie wirklich gut auf ihre Sachen aufpassen, denn die Zahl der Diebstähle in Zügen nimmt massiv zu.“ „Wirklich? Das wusste ich gar nicht.“ „Doch, doch, da gibt es eindrucksvolle Statistiken und die scheinen mir nicht mal die wahre Diebstahlsrate anzuzeigen, weil die Bahn doch nicht schlecht dastehen will. Und die Polizei auch nicht, denn das würde ja zeigen, dass sie machtlos ist. Also passen sie gut auf ihre Sachen auf.“ „Ja, danke für den Tipp. Werd ich auf jeden Fall machen.“ „Sollten sie wirklich machen, gerade die Zahl der Trickdiebe stieg in den letzten Jahren stark an.“ „Ich werd heute noch stärker als sonst aufpassen.“ „Gut, gut.“ Nach diesem längeren Gespräch kehrte erstmal Ruhe ein. Der Banker gegenüber las seine Zeitung und ich in einem Buch, welches ich in diesem Urlaub eigentlich lesen wollte, aber ich bin noch nicht weit gekommen, denn wenn man das ganze Jahr über nur Bücher vor sich hat, braucht man das im Urlaub eigentlich nicht auch noch. Wenigstens wars kein Buch aus meinem Verlag. Irgendwann überkam mich so ein Hungergefühl. Ich hab doch vorhin so einen kleines Abteil gesehen, was zwar nicht direkt ein Speisewagen war, aber wo es zumindest ein paar Kleinigkeiten zu geben schien. „Wie lang ist es denn noch bis Florenz?“ „Noch zirka 45 Minuten.“ 45 Minuten, so lang hielt ich nicht mehr aus, bis ich am Bahnhof etwas könnte. „Ich gehe eine Kleinigkeit essen. Wollen sie auch etwas?“ „Wenn sie mir vielleicht einen Kaffee mitbringen könnten.“ „Wollen sie denn nicht mitkommen?“ „Nein, einer sollte auf das Gepäck aufpassen. Ich hab ihnen doch erzählt wie das mit den Diebstählen ist.“ „Ach, hier in den Bimmelbahnen auch?“ „Bimmelbahn. Ihr Deutschen immer mit euren lustigen Wörtern. Ja, auch hier. Man sollte sein Gepäck halt nie alleine lassen. Aber ich könnte, wenn sie wollen auf ihr Gepäck aufpassen, so lange sie sich was zu essen holen.“ Danke, das wäre echt sehr nett.“ „Keine Ursache, keine Ursache.“ Ich kämpfte mich durch voll die ziemlich vollen Gänge zu dem Speisewagen, der diesen Namen nicht verdient hatte. Als ich endlich an der Reihe war bestellte ich mit meinem dafür gerade noch ausreichenden Italienisch zwei Kaffees und eine Semmel mit Mortadella. 11,80 Euro für diese drei läppischen Sachen, das sind schon stolze Preise. Bepackt mit zwei ständig nahe dem überschwappenden Bechern Kaffee in der Hand und meiner Semmel in der Hosentasche machte ich mich auf den Rückweg zu meinem Abteil. Zuerst konnte ich es nicht mehr finden, dachte ich müsste noch weiter nach hinten, aber als ich vor dem letzten Abteil stand und merkte, dass es nicht mehr weiter geht, wusste ich, dass es doch hier irgendwo gewesen sein musste. Also ging ich wieder ein paar Abteile nach vorne. Hier musste es doch irgendwo sein, irgendwo hier saß doch der Banker. Aber ich fand ihn nirgends, dafür aber unser Abteil. Als ich es fand, ließ ich vor Schreck die Becher fallen- am Boden lag der Inhalt meiner Koffer ausgebreitet, die Koffer daneben. Oben drauf lag ein handschriftlich geschriebener Zettel: „Die Diebstahls-Statistik steigt weiter- allein in diesem Monat bereits das 23.Opfer.“